Leaves´ Eyes – Die Augen auf Deutschland und schlechte Karten in Kindergarten

Elvis has left the building – aber Liv bleibt länger

LE 2Als dieses Interview mit der charismatischen Sängerin Liv Kristine stattfindet, ist für die Band eigentlich irgendwie doch ein Durcheinander angesagt. Eigentlich sollte ein kurzer Promo-Trip zur neuen Scheibe „King Of Kings“ stattfinden, doch daraus wurde kurzfristig nichts. Warum? Nun ja, weil das Flüchtlingsthema die Zeitungen derart überflutet, daß für andere Sachen kaum mehr Zeit, Nerv oder Interesse besteht. Tja, liebe Leute, das sind die anderen Facetten, an die niemand denkt: Sowas hat eben auch ungeahnte Folgen für komplett andere Bereiche.

„Ja, das wird oft wirklich übersehen. Aber sei´s drum. Führ ich eben mehr Interviews per E-Mail. Ich für meinen Teil habe nie einen Krieg miterlebt“, berichtet die gebürtige Norwegerin, die eigentlich schon eingeschwäbelt ist, nach x Jahren in Deutschland und der schwäbischen Gegend. „Wir hatten jeden Tag etwas zu essen und, und, und – ich möchte nicht mit den Flüchtlingen tauschen. Und ich finde, wer sein Leben retten will, soll kommen, aber an der Verteilung innerhalb der Länder muß echt stark gearbeitet werden.“

Eine Aussage, die den Kern der Sache absolut trifft und nicht wenigen aus der Seele sprechen dürfte. „Ich habe ja viel Kontakt zu meiner Familie etc und was Deutschland hier macht, sorgt auf der ganzen Welt für Aufsehen. Die anderen Länder ziehen davor den Hut, zum Beispiel Norwegen, was Deutschland hier stemmt. Das ist enorm großzügig, aber es ist an der Zeit, daß in Europa zusammengehalten wird. Und es muß ein System her, wer Flüchtling ist und wer nicht. Ganz klar.“

Liv nimmt dabei auch kein Blatt vor den Mund und ganz klar muß sich Deutschland auch eingestehen, daß diese Großzügigkeit schon fast großkotzig war – denn vorbereitet war das Land nicht. Dabei fällt der Blick auch auf andere Supermächte. „Andere Supermächte haben in der Geschichte dafür gesorgt, daß die Ressourcen in Afrika ausgebeutet wurden, Imperialismus ebeLE !n. Und da frag ich mich zum Beispiel: Hey, United Kingdom – wo seid ihr? Die Geschichte wiederholt sich immer, in ihr liegt ein Karma.“

Die sympathische Ausnahmekünstlerin gehört dabei weder zu jenen, die nur labern oder zu denen, die aus Promo-Zwecken gleich Aktionen von einem anderen Planeten starten. Schlicht so, wie´s sein sollte… „Auch wir in unserem kleinen Kaff nehmen demnächst einige Familien auf. Nachdem ich hier so ziemlich die einzige bin, die Deutsch und Englisch sprechen kann, wurde ich gefragt, ob ich helfen würde. Sind wir mal ehrlich, was gibt es denn besseres als sich ein paar Leute zu schnappen, mit dem Hund Gassi zu gehen und ihnen so die Sprache und alles andere näher zu bringen? Diese Kurse in kahlem Klassenzimmern… das ist doch kein Vergleich. Und die Wartelisten sind enorm lang.

Ich finde es besser, direkt an der Wurzel mitzuhelfen. Und gerade in einem kleinen Dorf ist es wichtig, daß kein Haß auf dieser oder jener oder gar auf beiden Seiten entsteht – und der entwickelt sich oft durch Mißverständisse und Unwissenheit.“ Das kann man absolut nicht abstreiten und Liv erzählt auch gleich begeistert weiter, daß auch Schweden einen guten Zug gemacht hat: „Schweden nimmt nun 15 Tausend Jugendliche und Kinder auf, die ohne ihre Eltern geflohen sind. Natürlich ist auf beiden Seiten Angst da: Einerseits bei den Flüchtlingen – sie komm en ja aus der einen Ungewissheit in die nächste. Ebenso aber auch beim Aufnahmeland – hier weiß man auch nicht, was auf einen zukommt und wie das alles geschafft werden soll.“

Da kann ich nicht anders und muß mal den werten Herrn Heinz Rudolph Kunze anbringen, mit seiner bahnbrechenden Idee, Instrumente für Flüchtlinge zu sammeln. Räusper. Kunst ist wichtig und ein absolutes Verständigungsmittel, aber diese Art und Weise schafft eher wutschnaubende Reaktionen.

„Kunst ist absolut wichtig, ohne Frage. Mit ihr kann man träumen und ohne Visionen kann man nicht überleben. Als Künstler muß man sich dabei treu bleiben bei mir sind das nun schon 25 Jahre, in der sich Erfahrungen angehäuft haben. Ich hatte diesen Traum, diese Vision schon seit meiner Kindheit.“ Dabei kichert Liv, daß sie erst gesungen hat und erst später zu sprechen begann. „Damit hatte ich echt verdammt schlechte Karten im Kindergarten. Also, ich war schlicht nicht dort. Hat mir aber nichts ausgemacht, ich wußte mich ja zu beschäftigen, haha. Ich habe das als Kind für vollkommen normal gehalten und dachte, jeder kann singen. Hm, ist wohl nicht so.“ Naja, dabei heißt es ja immer so schön, singen könne theoretisch jeder, aber wer nicht richtig hören kann, hat eben auch dann bei der Umsetzung ein Manko.

„Nicht jeder kann instinktiv nach dem richtigen Ton greifen. Diese ganze Entwicklung, das Verfolgen meiner Visionen wäre ohne meine Familie und die Fans nicht möglich gewesen. Ich war neunzehn als ich mich nach Deutschland aufmachte, um Musik zu machen. Meine Eltern hatten nur zwei Bedingungen: Keine Drogen, was eh nie ein Thema für mich war, und ich sollte meinen Magister fertig machen. Das habe ich auch. Dem eigenen Herzen treu bleiben, dann kann man auch nach 50 Jahren noch zu dem stehen, was man gemacht hat.“

Dabei ist das Ideen-Bündel nach eigener Aussage schon mal recht strapaziös für ihre Bandmitglieder. „Ich bin einfach künstlerisch hyperaktiv. Da schicken die mich schon mal eine Runde zum Laufen um den Block, lach. Einen so starken Background und so massive Unterstützung wie jetzt habe ich noch nie erlebt und diese Art von Glück möchte ich zurückgeben. Die letzten zwei Jahre waren wir sehr intensiv im Studio beschäftigt und es ist einfach phantastisch, dann die Reaktionen der Leute live zu sehen. Ein Konzert ist wie ein Energie-Austausch, da braucht man keine Drogen mehr, es ist das Tüpfelchen auf dem i. Diese Energie nehmen wir natürlich für das nächste Album mit.“

Dabei muß das Fräulein-Wunder schmunzeln, während sie von diesem Miteinander schwärmt. „Eigentlich heißt es ja Elvis has left building, nein. Das stimmt nicht. Ich bin die letzte, die nach einem Konzert die Halle verläßt. Das ist für mich Ehrensache. Ich hab ja auch ein Mammutgehirn und ich vergesse auch dies und das nicht, das Lächeln der Leute… und gemeinsame Erfahrungen festigen auch.“ Dabei freut´s die Lady natürlich auch, daß sich der ‚Job‘ („ich mag das Wort nicht… Arbeit trifft´s auch nicht“) mit der Familie verbinden kann. „Das ist einfach perfekt. Wenn ich mir überlege, Nachtschicht um Nachtschicht in einer Fabrik – ohne Dank und ähnliches… Und ich laß mich auch nicht verrückt machen, wenn irgendein Depp irgendeinen Mist schreibt. Da denk ich mir dann: ‚Wäre es für meine Großmutter okay, dann ist es das auch für mich, für alle‘.“

Passend zur guten Lane kommen wir kurz auf den Song „Swords In Rock“ zu sprechen – bedenkt man, welche Hero-Hymen einen oft erwarten, befinden sich die Worte ‚Metal‘ oder ‚Rock‘ im Titel, ist dieser Song gleich doppelt sympathisch. „Ja, ein bißchen Party-Flair – alles ist gut ausgegangen für den König, er bekommt ein Frauchen, da darf schon mal gefiert werden“, zwinkert Liv. Dabei sei an dieser Stelle natürlich auch auf das In Own Words der Sängerin zum aktuellen Scheibchen verwiesen.

Den Titel „King Of Kings“ hat dabei Liv´s Angetrauter Alex Krull (u.a. mit Atrocity umtriebig) einafch so auf den Frühstücktisch geworfen. „Der hat immer solche Burner-Ideen. Da kam er aus heiterem Himmel an ‚hey, nenn doch die neue Scheibe King Of Kings‘. Ich hab ihn dann erstmal gefragt, wie lang er da schon drüber grübelt, lach. Entsprechend haben wir uns dann an das Thema gemacht, ich habe eine Unmenge Literatur zu dem Thema durchgewütet, mit Torsten und Alex die Songs geschrieben. Ich hab mir ca 200 Bücher dazu gegeben, Sagen gelesen und, und, und. Und nach der Recherche folgte dann eben auch die textliche Umsetzung. Irgendwie ist das Ganze dann zum Soundtrack mutiert.“ Und zu einer absolut großen CD für Live und Leaves´ Eyes. Dabei kamen natürlich auch Liv´s Masterstudien zu Gute und ihr Wissen um historische Sprachen.

„Sprach ist allgemein sehr wichtig – ob nun in Form des gesprochenen oder gesungenen Wortes. Und Sprachen machen Spaß. „ Dabei liest duie gute Lady in ihrer Freizeit schon mal hern Edgar Allen Poe und Rilke, „aber studieren muß man die nicht. Als nächstes steht bei mir Spanisch an, dann bin ich echt recht gut gewappnet. Vor allem auch für unsere Tour durch Südamerika.“ Überraschend war für die Band dabei ein Auftritt in Taiwan, konnte man dort die Szene oder die Besucherzahlen gar nicht einschätzen. „Es hätten auch nur drei Leute kommen können, aber tatsächlich waren eine Menge Besucher da und die, die sich die Tickets nicht leisten konnten, blieben sogar vor der Halle. Und die Menschen waren absolut bei der Sache und mit dabei.

Dabei erinnert sich Liv wehmütig an einen geplanten Auftritt in Goa. Dieser sollte auf einem Festival stattfinden, das dann wohleinigen ansässigen Gastronomen etc ein Dorn im Auge war. So stürmten einige Ganoven ein paar Minuten vor Leaves´ Eyes´ Auftritt das Festival-Gelände mit brennenden Stöcken und dergleichen. „Wir hätten dort als Headliner spielen sollen und es tut mir echt leid für die Leute, die extra auf dieses Festival gespart haben. Alle wurden vertrieben, wir konnten auch nur noch unseren Kram zusammenpacken und ab in die Autos. Und das alles, weil hinter diesem Festival eine relativ vermögende Frau steht und hier die Angst besteht, die Leute würden ihr Geld nicht in den anderen Clubs an diesen Tagen lassen.“ Nicht destro Trotz würden sie den Weg wieder auf sich nehmen.

Vielleicht wird ja auch in diesen armen Ländern mal mehr zusammen gearbeitet – so würde vielleicht so mancher Futterneid gar nicht erst entstehen. EV

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