Stellas Mutter – ein Essay zur Novelle „Schweigeminute“ (Siegfried Lenz)

schweigeminuteAnhand der vorgegeben Fakten aus der Novelle haben wir versucht, einen Blickwinkel auf die komplexe Gefühlssituation einer Mutter zu lenken, deren Tochter als Englischlehrerin in der Nachkriegszeit mit einem Schüler liebäugelt – bedingt durch die Romantisierung des in die Staaten zurückgegangenen Vaters. Stella, so der Name der Tochter, in der Novelle stirbt jung, ihre enge Freundschaft zu dem Schüler wurde mehr als mißbilligt… Was könnte also ihre Mutter in ihr Tagebuch geschrieben haben?
Der Tagebuch-Eintrag war somit auch als Idee und Appell gedacht, Dinge, Menschen und Handlungen zu hinterfragen, noch vorzuverurteilen, ebenso das Glück anderer im Auge zu haben wie auch Dankbarkeit für Schönes zu empfinden.

Tagebuch:
„Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, worüber meine Gedanken zuerst kreisen. Meine geliebte Tochter, meine Stella, mein Stern… verglüht und doch strahlend hell in meinem Herzen.
Dennoch fühle ich mich, als dürfte ich nicht aus meiner Haut. Es schmerzt unendlich, das letzte Mal, als ich sie sah, lebensfroh, begeistert, beschwingt – und den selben Tag konnte sie nicht zu Ende bringen. Das Ende ereilte sie. Mein süßes Mädchen, auf immer meine, unsere Prinzessin und doch hat sie ein Tabu gebrochen und unsere wehrte Gesellschaft untergräbt meine offene Trauer.
Erst in seinen Augen erkannte ich die Wahrheit. Ihr Schüler und Seelenverwandter, beides zugleich darf doch gar nicht sein. Als mein kleines Mädchen zu Grabe getragen wurde und ich seine Gedankenverlorenheit erspürte (wie wohl so einige andere), fiel es mir wie Schuppen vor den Augen.

Sie waren gegenseitige Liebe, Muse und selbst wenn sie alle Barrieren unserer Zeit überwunden hätten – und ich schwöre bei meiner großen Liebe, Stellas Vater, sie hätten sie bezwungen – wurde ihnen ihr vorgezeichnetes Glück nicht vergönnt. Ein gebrochener, junger Mann, der, wie ich ihm von Herzen wünsche, dennoch seinen Weg finden wird, und mein Augenstern, der sein Pendant fand und doch durch diesen tragischen Unfall ihren letzten Atemzug unerfüllt getan hat.

Denke ich an meine einzige Liebe, frage ich mich aber: War es wirklich unerfüllt? Muß eine Liebe gelebt werden, um erlebt zu werden?
Oder ist es nicht an sich das Schönste in unserem Dasein, ob irdisch oder was immer danach kommen mag, es überhaupt einmal erahnt haben zu dürfen? Diese EINE Liebe…
Zwei Herzen schlag, ach, in meiner Brust, könnte man so schön sagen – oh meine Lieben, es fühlt sich so an. Ich sah die beiden Königskinder, die nicht zusammen sein durften und es mehr waren als viele andere. Im Herzen, in ihrer Seele, ihren Träumen. Mein geliebter Mann: Ich sehe uns. Unsere Prinzessin und ihr Prinz – teilen sie nicht ein Schicksal mit uns?
Du mußtest ebenso zu früh gehen, doch wird uns diese Zeit niemand nehmen können und ich weiß, Du wachst über mich. Oftmals heißt es, das Schicksal wiederhole sich immer in der Familie. Wenn dem so ist, bin ich für unser Sternchen unendlich glücklich, wenn sie die gleiche, wenn auch kurze, aber bedingungslose Liebe erfahren durfte wie ich mit Dir.
Mein Herz, wem schreib ich hier? Dir? Unserem Heiligtum? Meine Hand zittert und die Tinte tropft von der Feder aufs Papier. All´ meine Gedanken sind wie ein süßer Schmerz, in bester Hoffnung, Dankbarkeit und auch mache ich mir Vorwürfe, frage mich, ob der frühe Verlust unseres Liebesbeweis nicht hätte verhindert werden können.

Du wolltest wieder kommen und es war uns verwehrt. Eine wunderbare Zeit, aller Widrigkeiten und den Kriegswirren zum Trotze. Beide, und wieder sehe ich eine Parallele zu unserer Stella, aus unterschiedlichsten Kreisen. Ihren Namen konnte ich Dir nicht mehr mitteilen, Deine Krankheit ereilte Dich nach Deiner Heimkehr. Stella – der Stern, der mein Herz immer zu Dir führte.
Ich weiß, Du hattest immer Deine Arme wachend über sie gebreitet.

Wie oft stand sie mir bei, gab mir mit ihrem Lachen Kraft und Mut, ließ Dich bei mir sein. Sie entwickelte Interessen, die nur von Deiner Seite sein konnten. Und genau selbige führten sie auch in Christians Herz.
Als er in ihr Leben trat, hatte ich das Gefühl, sie würde endlich den Glanz einer Zeit erleben, die ihr durch alle Umstände in der Jugend verborgen blieb, als würde sie erwachen. Es war zauberhaft dies zu sehen und in meiner Erinnerung wird es das immer sein.

Daß sie durch ihr neu entdecktes Hobby, ihren Hang zur See, ihre Abenteuerlust und Unbeschwertheit im Grunde ihr Leben verlor… Mein Herz, ich gestehe, vielleicht hätte ich mehr Mutter sein sollen. Sie hätte nicht derart viel einbüßen und dann einen derartigen Drang nach Leben oder dem Nachholen verpaßter Momente entwickeln müssen.
War sie zu übermütig, weil ich als Mutter versagt habe? Darf ich wütend auf Diejenigen sein, die uns getrennt haben, unsere Welten zerrissen haben? Ich kämpfe mit mir und sage mir immer wieder nein.

Ich bin wütend, ja. Weil unser Liebchen verurteilt und geschmäht wird, weil sie einen jüngeren Mann, einen Schutzbefohlenen liebte. Ob als Bruder oder mehr, ich weiß es nicht. Ich bin wütend, daß sich diesmal die Geschichte wirklich wiederholt, auf Kosten unseres Herzstückes: Warum wird wahre Liebe nicht gegönnt? Warum wird Reinheit und Glück getreten?
Ein Wunsch, der mir auf der Seele brennt: Küsse Stella von mir und laß sie wissen, bis ich bei Euch bin, wie stolz und unendlich glücklich sie mich gemacht hat.“
Die Novelle sei wärmstens empfohlen. EV

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