Regionalisierung an fränkischem Beispiel oder: Wenn das Ende der Wurst erreicht ist – Teil II

In dieser Stadt und Region werden die fränkischen Bräuche massiv aufrecht erhalten, der ortsansässige Brezenhersteller Kolb findet sich nicht nur in der Innenstadt an allen Ecken und Enden, ein weiteres Aushängeschild des Nahrungsmittelangebots der Stadt.

Die vehemente Abgrenzung vom Rest von Bayern dieser Stadt zeigt sich in vielen Facetten, die Nahrungsmittelindustrie und das Angebot, die Bräuche zeigen dies mehr als deutlich.

Ehrlich zugegeben muß natürlich auch werden, daß sich die Betonung in einigen Gegenden auf bestimmte, traditionsbehaftete Speisen schlicht ihren Ursprung auf die Beschaffenheit der Gegend, den vorhandenen Reichtum an Felder oder/und Nutzvieh in erster Linie hat. Sind es südlichen Gegenden Deutschlands vermehr Fleischgerichte, wird an den Küstengegenden zwangsläufig seit jeher mehr Fisch verzehrt.

Der jeweilige Geschmack einer Bevölkerungsgruppe, einer Region beruht ebenso auf äußeren Einflüssen, dem Klima usw. Bayern und auch Österreich bieten eine herzhaftere Küche, mitunter auch die beiden erst genannten mit Einflüssen aus Ungarn usw, ebenfalls historisch bedingt, eine herzhaftere Speisenauswahl, besonders in ländlicheren Gegenden des Umkreises macht sich oft eine größere Portionszusammenstellung bemerkbar, als wolle man auf der „sicheren Seite sein“.

Psychologisch betrachtet liegt es klar auf der Hand, daß mit Nahrung ein archetypischer Instinkt und ein seelisches Bedürfnis befriedigt werden. Die Auswirkungen der Psyche auf das Eßverhalten und umgekehrt machen sich nicht umsonst durch Eßstörungen wie Bulimia Nervosa, Anorexie oder Fettsucht bemerkbar und bedürfen sich selten einer Therapie.

Innere Konflikte, seelische Einbußen und Mißstände, Unzufriedenheit werden oft durch das Eßverhalten bedient, wobei in etwa bei der Bulimie auch die Auswahl der jeweiligen Speisen eine Rolle spielt und eine Menge über den inneren Konflikt des Betroffenen auszusagen vermag. Süße und fette Speisen werden der Belohnung zugeordnet, aber auch dem Verlust eines bestimmten inneren Maßes.

Im Falle der Magersucht wiederum ist von Selbstkasteiung die Rede, verweigerndem Verhakten, Ablehnung, es wird sich selbst nur das absolut Nötigste und manchmal nicht einmal das gegönnt.

Anhand dieser Beispiele wird deutlich, wie eng an sich somit auch die Ausformungen der Regionalisierung hinsichtlich der Ernährung eine Rolle spielen.

Ernährung ist ein deutliches Zeichen für den psychischen Zustand bzw die Zufuhr und Auswahl jener dient nun mal nicht nur der Bekämpfung von Hunger oder gesundheitlichen Leiden (Diabetes), sondern wird auch als Art „Medizin“ bei seelischen Leiden mit benutzt, dient als Ausdruck von (Un-)Zufriedenheit oder anderweitigen Problemen.

An sich normales Eßverhalten, daß schlicht regional geprägt ist, entspricht hierbei also nachdrücklich veranschaulicht dem Zuzählen seiner Selbst zu einer festen, in sich starken und gefestigten (aus Sicht der betreffenden Person) Gemeinschaft, die einem Sicherheit vermittelt.

Sie bedient eines jener Urbedürfnisse des Menschen und schafft eine gewisse Form der Stabilität, genauso verhält es sich mit Essensritualen nebenbei bemerkt.

Was im Speziellen die jeweilige Regionalisierung kennzeichnet ist wie bereits geschrieben abhängig von Tradition, Möglichkeiten der Nahrungszufuhr und dem Vorhandensein der Mittel. Doch stellt dies lediglich das jeweilige Fundament dar.

Die typischen Gebräuche und speziellen Speisen sind zuletzt meist jene, die auch einen historischen Hintergrund mit sich tragen, die Besonderheiten dieser Gegend durch Geschichten und Traditionen, die nun von anderen Regionen deutlich abgrenzen. Es sind die Speisen, die nicht nur das Gewohnte, das Heimische vermittelt, sondern auch eine Geschichte zu erzählen haben, die vielleicht etwas aus dem Rahmen fällt. Etwas, daß einerseits Sicherheit vermittelt, andererseits aber auch die eigene Besonderheit deutlich macht und von der Masse abgrenzt. Schließlich ist man Teil einer Region, die etwas Besonderes hervorgebracht hat, somit etwas Besonderes ist und im weiteren Schluß zählt man zu dieser Besonderheit.

Und sei es, wie im Fall der Nürnberger Rostbratwurst schlicht eine kleine Idee, dem späten Hunger beizukommen ohne Strafe befürchten zu müssen.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s